Die feministische Revolution

# Back to the Roots: Warum die 70er, 80er und 90er die geilste Zeit für feminine Mode waren – und warum wir sie zurückholen sollten

Seien wir mal ehrlich: Wenn du morgens in deine Jeans und Sneakers schlüpfst, fühlst du dich sicher. Praktisch. Unauffällig. Aber fühlst du dich auch sexy? Fühlst du dich wie eine Frau, die weiß, was sie will und sich nimmt, was ihr zusteht?

Doch wann hast du das letzte Mal High-Heels getragen? Richtige Pumps, mit 10 oder mehr Zentimeter Absatz, die deine Beine endlos lang machen und deinen Gang in eine verdammte Catwalk-Performance verwandeln? Und Nylons? Die zarte Umschmeichelung deiner Haut, dieses seidige Gefühl, das dich schon beim Anziehen wissen lässt, dass du heute nicht einfach nur funktionierst, sondern lebst?

Wahrscheinlich liegt das gute Zeug ganz hinten im Schrank. Verstaubt zwischen Winterpullis und dem Kleid von der letzten Hochzeit. Stattdessen schlüpfst du morgens in deine Jeans, deine bequemen Sneaker, vielleicht noch eine lockere Bluse – fertig ist der Look, der dich durch den Tag trägt, ohne aufzufallen, ohne anzuecken, ohne… irgendetwas zu sein, außer funktional.

Ich sage dir was: Es gab eine Zeit, da war Weiblichkeit kein Widerspruch zu Selbstbestimmung. Da trugen Frauen Miniröcke, Nylons und High-Heels – und kämpften gleichzeitig für ihre Rechte. Da war ein transparenter BH kein Skandal, sondern ein Statement. Und die sexuelle Revolution fand nicht trotz, sondern mit femininer Mode statt.

Aber der Reihe nach. Lass uns eine Zeitreise machen. Zurück in die 70er, 80er und 90er. Zurück zu einer Zeit, als Frauen sich trauten, feminin UND feministisch zu sein. Denn zugegeben: Irgendwo auf dem Weg haben wir vergessen, dass beides zusammengehört.

Die 70er: Als Frauen sich befreiten – und eine textile Revulution kam

Die 70er Jahre waren revolutionär. Und ich meine das wortwörtlich. Nicht nur poltisch, das sicher auch. Insbesondere war aber auch die sexuelle Befreiung in vollem Gange. Oswald Kolle brachte Aufklärungsfilme ins Kino, die ersten Softpornos liefen (ja, wirklich!), und Frauen entdeckten, dass sie Sex nicht nur haben dürfen, sondern auch wollen dürfen.

Und was trugen sie dabei? Miniröcke. Twiggy, Lesley Hornby, das IT-Girl der 60er, das bis weit in die 70er stilprägend blieb, machte den Minirock salon- und straßenfähig und zum Symbol einer ganzen Generation. Mit ihren endlos langen Beinen in ultrakurzen Röcken zeigte sie: Wir müssen uns nicht verstecken.

Aber der Reihe nach: Die 70er brachten auch eine textile Revolution. Die Feinstrumpfhose wurde erfunden. Klingt unspektakulär? War es nicht. Diese durchsichtige, hautenge Hülle revolutionierte alles. Plötzlich konnten Frauen ihren Strapsengürtel und die separaten Nylonstrümpfe in die Ecke pfeffern. Die neue Strumpfhose war die Unterwäsche – designed, um ohne Slip getragen zu werden. Schau dir die ARWA-Werbung aus der Zeit an: Die Frauen, nackt bis auf ihre hautfarbene Strumpfhose, die perfekt sitzt. “Kein Ziehen, Rutschen, Spannen” verspricht die Anzeige. Keine zusätzliche Unterwäsche nötig. Das war Freiheit! Das war Komfort! Und das war verdammt sexy, weil es den weiblichen Körper in seiner natürlichen Form verpackt in Nylon zeigte.

Fast zeitgleich brachte Triumph 1970 die “Happy Body”-Kollektion raus. Transparente BHs mit dem provokanten Slogan “Na und?” auf der Werbung. Eine blonde Frau, perfekt geschminkt, trägt nichts als diesen durchsichtigen, hautfarbenen BH mit den markanten Trägern – und starrt dich an, als würde sie fragen: “Hast du ein Problem damit?” Das “Na und?” war keine Frage, sondern eine Kampfansage. Eine Antwort auf alle, die meinten, Frauen müssten ihre Körper verstecken. Frauen zeigten, was sie hatten – ihre Brüste, ihre Kurven, ihre Sexualität – und es war ihnen völlig egal, was die Nachbarin dachte. “Körper ist Mode. Und happy body zeigt den Körper” – so lautete der Werbespruch. Frauen sollten sich in ihrer Haut wohlfühlen, nackt und frei. Das war kein Objekt-Sein, das war Selbstermächtigung.

Und hier wird’s interessant: Selbst Alice Schwarzer, DIE Feministin schlechthin, Gründerin der Zeitschrift “Emma” und Ikone der Frauenbewegung, trug Miniröcke. Alice Schwarzer kämpfte ab den 70er Jahren vehement für Frauenrechte, gegen Abtreibungsverbote, gegen Sexismus – und sie tat das in moderner, femininer Kleidung. Für sie war klar: Ein kurzer Rock macht mich nicht zum Objekt. Mein Verstand, meine Worte, meine Taten definieren mich.

Die 80er: High-Heels, Nylons und Pornos – als Sex ins Wohnzimmer kam

Die 80er legten noch einen drauf. Technologisch, modisch, sexuell. Sie brachten den Power-Femme-Look. Frauen stürmten die Büros, die Führungsetagen, die Welt – und sie taten es in High-Heels, die bis zu 10 cm hoch waren. Neue Materialien für Absätze machten es möglich, dass Frauen nicht mehr nur auf wackeligen 5-6-cm-Kätzchen (Kitten-Heels) balancieren mussten. Nein, jetzt ging es richtig zur Sache: Der Standard wuchs auf 8 bis 10 Zentimeter. Madonna und Grace Jones trugen sie, und jede Frau, die etwas auf sich hielt, tat es ihnen gleich, sie liebten sie! Warum? Weil sie größer machten, weil sie die Beine formten, weil sie das Selbstbewusstsein stärkten.

Dazu kamen figurbetonte Mini-Kleider. Körper zeigen war angesagt.

1987 dann der nächste Game-Changer: Wolford erfand die ersten halterlosen Nylonstrümpfe (Stay-Ups) und revolutionierte die Welt der Nylonsstrümpfe: An jetzt war kein Strapsengürtel mehr nötig. Freiheit und Sexappeal in einem. Halterlose mit Silikonrand wurden zum Must-have für jede Frau, die sich selbst ernst nahm. Man trug sie für sich selbst, für das geheime Wissen unter dem Rock, das den ganzen Tag über eine subtile erotische Spannung aufrechterhielt. Sie waren elegant, verführerisch und praktisch: Wir wisst was ich meine. Dieses Gefühl, wenn das Silikonband am Bein haftet und man weiß, dass nur ein kurzer Griff unter den Rock genügt, um die nackte Haut über dem Rand zu spüren.

Doch was trug man dazu? En vogue waren vor allem figurbetonte Minikleider und extrem schmale Miniröcke. Besonders der Stretch-Mini und der Leder-Minirock waren die ultimativen Begleiter der High-Heels. Es ging darum, die Beine endlos lang wirken zu lassen – eine Silhouette, die durch den harten Kontrast zwischen den massiven Schulterpolstern der Zeit und der extrem kurzen, engen Rocklinie definiert wurde. Diese Röcke waren nicht nur Kleidung, sie waren eine Provokation aus Elastan und Leder, die jede Kurve betonte und in Kombination mit den glänzenden Nylons der Zeit eine fast skulpturale Weiblichkeit schuf.

Und dann kam das Hardcore-Porno-Zeitalter. Das Homevideo-System VHS machte es möglich, dass Sexfilme ins heimische Wohnzimmer einzogen. Teresa Orlowski und Dolly Buster wurden zu Ikonen einer Generation– nicht nur wegen ihrer Filme, sondern wegen ihres Selbstbewusstseins. Teresa Orlowski, die selbst als Hardcore-Porno-Darstellerin vor der Kamera stand, kämpfte für die Rechte von Frauen in der Pornoindustrie und Sexarbeiterinnen. Sie wehrte sich gegen Ausbeutung, sie war Unternehmerin und Pionierin. Frauen sollten ihre Sexualität leben durften, ohne verurteilt zu werden. Frauen durften geil sein, Frauen durften Sex wollen, Frauen durften aktiv ihre Sexualität leben. Viele Frauen wurden damals völlig freiwillig Darstellerinnen, um ihre Sexualität auszuleben und ökonomische Macht zu gewinnen.

Doch nun noch ein interessanzer Hardfact: Was trugen die Darstellerinnen in diesen Filmen?
High-Heels-Pumps und Nylonstrümpfe wurden als modischer State of the Art zelebriert – Es war Alltagskleidung! Im Büro, beim Ausgehen, beim Date – Nylons und Pumps gehörten zum Outfit einfach dazu. Niemand fand das nuttig. Es war einfach normal, es war Mode, dass Frauen ihre Weiblichkeit zeigten und als Ausdruck weiblicher Souveränität galt.

Orlowski (und auch andere) bewiesen, dass eine Frau nicht nur geil sein darf, Sex wollen darf sondern dabei auch verdammt gut aussehen kann. Niemand fand das nuttig. Es war einfach normal, es war Mode, dass Frauen ihre Weiblichkeit zeigten.

Die 90er: Push-ups, Plateau-Pumps und Transparenz

Die 90er waren die Dekade der Extreme. Normale High-Heels-Pumps bekamen Absatz mit bis zu 12 Zentimeter und die Plateau-High-Heels-Pumps mit noch stabileren Absätzen eroberten die Straßen. Buffalo machte sie für die breite Masse erschwinglich – 13 Zentimeter Absatz waren Standard. Gleichzeitig entwarf Christian Louboutin seine legendären Modelle: den Daffy 160, den Daffodile 160, den Bibi 140. Diese Schuhe waren nicht nur Fashion-Statements, sie waren Kunstwerke. Und Frauen trugen sie mit Stolz.

Wer schon mal auf 12-Zentimeter-Pumps oder den 13cm-Plateau-Pumps durch die Stadt gestöckelt ist, weiß: Du fühlst dich wie eine Göttin. Wer braucht Bodenhaftung, wenn man fliegen kann?

1994 dann der Knaller: Die “Hello Boys”-Kampagne von Wonderbra mit Eva Herzigová. Ein riesiges Plakat in London zeigte die tschechische Schönheit in einem Push-up-BH, der ihre Brüste spektakulär in Szene setzte. Die Kampagne sorgte für Verkehrschaos, weil Autofahrer abgelenkt wurden. Aber sie sorgte auch für etwas anderes: Frauen entdeckten, dass sie ihre Körper selbstbewusst präsentieren konnten. Der Push-up-BH wurde zum Bestseller – nicht, weil Männer es wollten, sondern weil Frauen sich damit besser fühlten.

Und es gab noch Visionäre wie Thierry Mugler, Jean Paul Gaultier und Prada sie trieben diese Ästhetik auf die Laufstege. Transparente Oberteile, Blusen und Bodys machten Unterwäsche endgültig zur legitimen Oberbekleidung und waren in den 90ern überall. Frauen zeigten, was sie darunter trugen – bunte BHs, spitzenbesetzte Dessous. Es war spielerisch, es war frech, es war selbstbestimmt.

Warum gelten Nylons, High-Heels und Miniröcke heute als “nuttig”?

Und hier kommen wir zum Kern des Problems. Irgendwann in den 2000ern passierte etwas Seltsames: Die Mode, die jahrzehntelang normale Alltagskleidung war, wurde plötzlich als “zu viel” abgestempelt. Nylons? Nur noch für besondere Anlässe. High-Heels? Höchstens im Büro, und selbst da werden sie kritisch beäugt. Miniröcke? “Willst du denn, dass man dich anstarrt?”

Das ist Unsinn. Kompletter Unsinn.

Diese Kleidungsstücke wurden nicht nuttig – unsere Gesellschaft hat entschieden, dass Weiblichkeit problematisch ist. Dass eine Frau, die ihre Beine zeigt, “es darauf anlegt”. Dass hohe Absätze “unpraktisch” sind und eine Frau, die sie trotzdem trägt, “oberflächlich” sein muss.

Aber warum akzeptieren wir diese Erzählung? Warum haben wir uns einreden lassen, dass feminine Mode uns schwach macht, uns zum Objekt degradiert, uns die Glaubwürdigkeit nimmt?

Lass uns über das Wort „nuttig“ reden. Es ist das Schimpfwort derer, die Angst vor deiner Libido haben. High-Heels, Miniröcke und Nylons werden nur deshalb so tituliert, weil sie deine Weiblichkeit so radikal betonen, dass sie nicht mehr zu übersehen ist. Es als „nuttig“ zu bezeichnen, ist purer Nonsens – eine armselige Täter-Opfer-Umkehr. Diese Kleidung ist kein Billigkram; sie ist das wertvollste Werkzeug deiner Inszenierung. Wenn wir uns diese Styles zurückholen, tun wir das nicht für irgendeinen Typen. Wir tun es für das Zittern in unseren eigenen Knien, wenn wir uns im Spiegel sehen.

Das Paradoxon: Wenn andere sich nehmen, was uns genommen wurde und wir uns die Butter vom Brot nehmen lassen

Hier wird es absurd: Während wir Frauen uns zunehmend burschikos geben, uns in Boyfriend-Jeans, Oversize-Hoodies und flache Schuhe verstecken, haben Transsexuelle und Transvestiten diese Ästhetik längst für sich entdeckt. Wir haben uns unsere Weiblichkeit nehmen lassen – oder schlimmer noch: Wir haben sie freiwillig abgegeben.

Transsexuelle und Transvestiten hingegen feiern Nylons, High Heels und Miniröcke als Inbegriff dessen, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Für sie sind es keine Kostüme, es sind Ausdrucksmittel. Ist es nicht paradox?

Diejenigen, die hart für ihre Weiblichkeit kämpfen mussten, zelebrieren sie mit jeder Faser, während wir biologischen Frauen uns diese Attribute nehmen lassen. Warum überlassen wir das Feld der ästhetischen Verführung anderen, während wir uns in Funktionskleidung hüllen? Wir lassen uns hier eine Identität nehmen, die insbesondere uns gehört.

Für viele von ihnen sind diese Kleidungsstücke der Inbegriff von Weiblichkeit. Sie kämpfen dafür, sie tragen zu dürfen. Sie sehen in ihnen das, was sie sind: Ausdruck von Identität, von Geschlecht, von Selbstbestimmung.

Das ist kein Vorwurf an diese Gruppe – im Gegenteil. Es ist eine Frage an uns: Warum lassen wir uns das nehmen? Warum geben wir freiwillig auf, was Teil unserer femininen Identität sein könnte?

Die Antwort ist komplex. Ein Teil davon ist #MeToo.

#MeToo, Emanzipation und Feminität – kein Widerspruch

Aber hier ist die Wahrheit, die wir nicht vergessen dürfen: #MeToo und feminine Mode widersprechen sich nicht. Alice Schwarzer hat es vorgemacht. Sie kämpfte für Gleichberechtigung, für Selbstbestimmung, für das Recht auf Abtreibung – und sie tat das in moderner, femininer Kleidung.

Emanzipation bedeutet nicht, sich männlich zu kleiden. Emanzipation bedeutet, zu tragen, was du willst, ohne dich dafür rechtfertigen zu müssen. Emanzipation bedeutet, deine Sexualität zu leben, ohne verurteilt zu werden. Emanzipation bedeutet, feminin zu sein, wenn du dich danach fühlst – und genau das nicht als Schwäche ausgelegt zu bekommen.

Die 70er, 80er und 90er haben uns gezeigt: Frauen können sexy sein und klug. Frauen können Miniröcke tragen und trotzdem für ihre Rechte demonstrieren. Frauen können High-Heels lieben und trotzdem CEOs sein.

Die wichtige, notwendige Bewegung hat uns gelehrt, dass wir nicht für sexuelle Übergriffe verantwortlich sind – egal, was wir tragen. Absolut richtig. Aber sie hat auch eine unbeabsichtigte Nebenwirkung gehabt: Manche Frauen haben verinnerlicht, dass feminine Mode automatisch Aufmerksamkeit anzieht, die sie vielleicht nicht wollen.

Back to the Roots: Warum wir diese Mode zurückholen sollten – Ein Plädoyer für das Extra

Es ist Zeit, dass wir uns zurückholen, was uns gehört. Nylons sind nicht nuttig – sie sind elegant und sinnlich. High-Heels sind nicht unpraktisch – sie sind kraftvoll und formschön. Miniröcke sind nicht aufreizend – sie sind selbstbewusst und frei.

Diese Kleidungsstücke sind Teil unserer Geschichte. Sie stehen für eine Zeit, in der Frauen sich nicht versteckt haben. In der Sexualität kein Tabu war. In der Weiblichkeit gefeiert wurde.

Natürlich musst du nicht jeden Tag in Nylons und Pumps herumlaufen. Aber vielleicht, nur vielleicht, könntest du es mal wieder versuchen. Zieh den Minirock an, der im Schrank verstaubt. Schnapp dir die High-Heels, die du nur zu Hochzeiten trägst. Kauf dir halterlose Strümpfe und spüre, wie sich das Nylon auf deiner Haut anfühlt.

Und dann geh raus. Geh ins Büro, geh zum Dinner, geh in die Bar. Und fühl, wie sich deine Haltung verändert. Wie du größer wirkst. Wie du selbstbewusster wirst. Wie du dich erinnerst, dass feminine Mode dich nicht schwach macht – sondern stark.

Lass deine Jeans und Sneakers im Schrank. Nicht für immer, aber öfter als bisher. Sei mutig. Sei feminin. Sei eine Frau, die weiß, was sie will. Zeig der Welt, was es heißt, eine Frau mit Klasse und Feuer zu sein!

Denn noch immer gilt: Kleider machen Leute! Und Nylons, Heels und Röcke machen Frauen!

Be a Velvet-X Woman!